Maria Himmelfahrt (15. August) – die Kräuterweihe und der Höhepunkt der Heilkräuterernte
Mitte August beginnt im bäuerlichen Jahr eine besondere Phase: Die meisten Heil- und Gewürzkräuter stehen jetzt im Wirkstoffhöhepunkt. Sonne, Wärme und gleichmäßiges Wachstum haben in den Blättern, Blüten und Samen die maximale Konzentration an ätherischen Ölen aufgebaut. Genau in diese Zeit fällt Maria Himmelfahrt am 15. August – einer der ältesten Kräuterfesttage Europas.
Die Tradition der Kräuterweihe
Die Kräuterweihe an Maria Himmelfahrt ist einer der wenigen Bräuche, der sich vom frühen Mittelalter bis heute ohne Unterbrechung gehalten hat – besonders in Bayern, Österreich, Süddeutschland und im katholischen Westen. Frauen binden traditionell Kräuterbuschen aus Heilpflanzen und bringen sie zur Segnung in die Kirche. Anschließend werden die Sträuße im Haus oder Stall aufgehängt – als Schutz gegen Krankheit, Blitz, Unwetter und Unglück.
Der Brauch ist älter als die christliche Deutung. Schon in vorchristlicher Zeit wurden Kräutersträuße Mitte August geweiht. Die katholische Kirche hat den Brauch im 9. Jahrhundert übernommen und mit dem Marienfest verbunden.
Wie viele Kräuter gehören in den Buschen?
Je nach Region und Tradition variiert die Anzahl: 7, 9, 12, 24, 72 oder 99 Kräuter. Die genaue Zahl trägt symbolische Bedeutung – 7 für die Schmerzen Marias, 9 für die Trinität dreimal, 72 für die Jünger Jesu, 99 als Maximum (alles unter 100, also „alle”).
In Bayern und Österreich sind 7 oder 9 Kräuter typisch. In strengen Traditionen werden bis zu 99 verschiedene Pflanzen gesammelt.
Welche Kräuter typischerweise im Buschen sind
Die genaue Auswahl variiert regional, aber bestimmte Pflanzen kommen fast überall vor:
Königin der Buschen:
- Königskerze – im Zentrum des Buschens, hoch herausragend
Heilkräuter:
- Johanniskraut
- Schafgarbe
- Beifuß (Mugwurz)
- Wermut
- Frauenmantel
- Spitzwegerich
- Tausendgüldenkraut
- Baldrian
- Rainfarn
Gewürz- und Würzkräuter:
- Pfefferminze
- Salbei
- Thymian
- Bohnenkraut
- Liebstöckel
- Kamille
Getreide und Gräser:
- Eine Ähre Getreide (Weizen, Hafer, Roggen) als Zeichen der Ernte
- Mariengras
Blüten:
- Ringelblume
- Goldrute
- Wilde Möhre
- Schlüsselblume
Warum dieser Zeitpunkt ideal ist
Mitte August ist aus pflanzlicher Sicht der ideale Erntezeitpunkt für viele Heilkräuter. Die Sonne hat den Sommer über für hohe Konzentrationen an ätherischen Ölen, Flavonoiden und Gerbstoffen gesorgt. Die meisten Pflanzen blühen, viele bilden gerade Samen oder stehen kurz davor – also genau in der Phase mit dem höchsten Wirkstoffgehalt in den oberirdischen Pflanzenteilen.
Für Wurzeldrogen (Baldrianwurzel, Beinwellwurzel, Engelwurz) gilt umgekehrt: Sie werden eher im Herbst oder Frühjahr gegraben, wenn die oberirdische Pflanze einzieht und die Wurzel die Reserven gespeichert hat.
Wann genau ernten?
Drei Bedingungen für eine gute Kräuterernte:
1. Wetter: Trocken, sonnig, nicht zu heiß. Idealerweise zweiter oder dritter Tag einer Schönwetterphase – dann ist auch der Boden trocken.
2. Tageszeit: Vormittags nach dem Verdunsten des Taus, aber vor der Mittagshitze. Etwa zwischen 10 und 12 Uhr. Zu früh sind die Pflanzen noch feucht, zu spät sind die ätherischen Öle teilweise verflogen.
3. Pflanzenstadium: Bei den meisten Kräutern: kurz vor oder zu Beginn der Blüte. Bei Samenpflanzen: Wenn die Samen vollreif, aber noch nicht ausgefallen sind.
Richtig trocknen und lagern
Frisch geerntete Kräuter sind druckempfindlich und sollten möglichst schonend getrocknet werden:
Schritt für Schritt:
-
Vorbereiten: Welke, beschädigte oder schmutzige Pflanzenteile aussortieren. Nicht waschen, wenn nicht nötig – Wasser fördert das Verfärben.
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Bündeln: Zu kleinen, lockeren Sträußen binden (Durchmesser nicht über 3 cm), sonst trocknen die inneren Stängel nicht durch.
-
Aufhängen: Kopfüber an luftigem, schattigem, warmem Ort. Direkte Sonne zerstört die ätherischen Öle und bleicht die Farbe aus. Ideal: dachboden, Schuppen, warme Speisekammer.
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Dauer: 5–14 Tage, je nach Kraut und Luftfeuchte. Blätter sind durch, wenn sie beim Berühren knistern, Stängel müssen leicht brechen.
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Lagerung: In luftdichten, dunklen Gefäßen aufbewahren. Schraubgläser mit Etikett (Pflanze + Erntedatum), an dunklem Ort. Haltbarkeit der meisten getrockneten Kräuter: 1–2 Jahre.
Was nicht funktioniert: Trocknen in der prallen Sonne, im Backofen ohne Umluft, im Mikrowellengerät, an feuchten Orten. Alles führt zu Wirkstoffverlust oder Schimmelbildung.
Wofür die Kräuter verwendet werden
- Tee: Pfefferminze, Kamille, Salbei, Schafgarbe, Frauenmantel
- Räuchern: Beifuß, Wacholder, Salbei, Königskerze
- Tinkturen: Johanniskraut, Wermut, Baldrian, Engelwurz
- Bittermischungen: Wermut, Tausendgüldenkraut, Schafgarbe
- Kissen und Beutel: Lavendel, Hopfen (Schlafkissen), Königskerze (Schutzbüschel)
Volkskundliche Bedeutung
Die Kräuterweihe hat über den religiösen Aspekt hinaus eine praktische Funktion erfüllt: Sie war der traditionelle Anlass, an dem in jedem Haushalt der Vorrat an Heilkräutern für das nächste Jahr angelegt wurde. Vor der modernen Medizin war das ein lebenswichtiger Akt – die Kräuter waren die Hausapotheke des Winters.
In manchen Gegenden wird bis heute am 15. August und in den darauffolgenden Wochen (der „Frauendreißiger” bis 12. September) intensiv gesammelt. Diese vier Wochen gelten als die kraftvollste Phase für Heilkräuter im ganzen Jahr.
Bauernregeln zum Tag
- „An Maria Himmelfahrt schmeckt jede Kräuterart.”
- „Frauenkräuter, gut zur Speise, halten Krankheit fern auf leise Weise.”
- „Wer am Frauentag Kräuter weiht, sich ein gutes Jahr bereit’.”
- „Maria scheidet, der Sommer leidet.” – nach Mariä Himmelfahrt geht der Sommer spürbar zu Ende
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