Monat für Monat wissen, was im Gemüsegarten sinnvoll ist

Naschgarten im Wandel der Zeit – von der Vorratswirtschaft zum Balkongarten

Was wir heute einen Naschgarten nennen, hat sich über fast 100 Jahre grundlegend verändert. Die Pflanzen sind oft dieselben – Beeren, Erdbeeren, Kräuter –, aber die Logik dahinter nicht. Wer versteht, warum der Garten von Oma so aussah wie er aussah, kann heute besser entscheiden, was er selbst will.

Überblick: Vier Jahrzehnte im Vergleich

Historischer Bauerngarten mit Buchsbaum-Einfassung, alten Obst- und Gemüsesorten
Historischer Bauerngarten mit Buchsbaum-Einfassung, alten Obst- und Gemüsesorten
ZeitraumLeitgedankeTypische KulturenFläche
bis ca. 1950Vorrat und SelbstversorgungJohannisbeere, Stachelbeere, Bohne, Erdbeere, Zuckererbsegroß, klar gegliedert
1950–1970Wiederaufbau, VerlässlichkeitErdbeere, Himbeere, Kopfsalat, Buschbohnemittel, Strukturgarten
1970–1990Freizeitgarten und GenussTomate, Gurke, Paprika, erste Kräuter-Eckenvariabel, Gartenmode
1990–2010Bio, Mischkultur, NachhaltigkeitMischkultur, Kompostpflege, alte Sorten, Saatgut-Retteroft kleiner, mehr Vielfalt
ab 2010Urban Gardening, KleinflächeHochbeet, Balkongarten, Kübel, Gemeinschaftsgartensehr klein, urban

Der Grundgedanke ist über alle Phasen gleich geblieben: direkt erreichbare Kulturen, unkomplizierte Ernte, Pflanzen die ohne viel Aufwand etwas geben.

Der klassische Hausgarten bis 1950

Naschgärten dieser Zeit folgten einer klaren Wirtschaftslogik. Jede Pflanze musste sich rechnen – nicht in Geld, sondern in Ertrag, Haltbarkeit und Arbeitsersparnis.

Typische Struktur:

Warum Johannisbeere und Stachelbeere? Weil sie zuverlässig tragen, einkochen und einlegen lassen und über Jahrzehnte wenig Aufwand brauchen. Nicht wegen des Geschmacks zuerst, sondern wegen der Verlässlichkeit.

Gartengrößen: was war damals „normal”?

Einheitliche Normen gab es nicht, aber einige Orientierungspunkte:

TypTypische GartengrößeNaschgarten-Anteil
Kleinstadthaus mit Garten (bis 1950)200–600 m² gesamt30–80 m² für Beerenstrukturen + Direktbeet
Kleingarten / Schrebergarten (ab 1920er)200–400 m² (Norm: 400 m²)40–80 m² Obstgehölze + Gemüse gemischt
Dörflicher Hausgarten500–2.000 m²Naschgarten-Abschnitt 50–150 m²
Heutiger Stadtgarten (Vergleich)40–150 m²„Naschgarten” oft 5–20 m²

Selbst der damalige „kleine” Hausgarten war flächenmäßig größer als viele heutige Stadtgärten. Die Beerensträucher brauchten Platz – heute übernimmt ein Hochbeet deren Funktion.

Alte Sorten und ihre Geschichte

Die Sortenwahl folgte anderen Kriterien: Haltbarkeit, Robustheit, Ertragssicherheit. Geschmack war wichtig – aber Lagerbarkeit oft wichtiger.

Stachelbeere ‘Rote Triumph’ – Alte deutsche Sorte, seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Mittelgroße, rote Frucht mit kräftigem Aroma. Beliebt wegen ihrer Robustheit gegenüber Mehltau – einem der Hauptprobleme alter Stachelbeersorten. Gut für Kompott und Marmelade, auch frisch essbar.

Johannisbeere ‘Jonkheer van Tets’ – Niederländische Sorte aus den 1940er Jahren. Frühreifende rote Johannisbeere mit großen Trauben und gutem Ertrag. War lange eine der meistgepflanzten Rotjohannisbeeren in Deutschland wegen ihrer verlässlichen Ertragsfreudigkeit. Säurereich, damit sehr gut zum Einkochen.

Buschbohne ‘Neckarkönigin’ – Deutsche Sorte, Mitte 20. Jahrhundert. Breithülsige Buschbohne mit gutem Ertrag und langer Pflückphase. War wegen ihrer guten Konserveneignung weit verbreitet. Heute selten, aber noch bei Saatgut-Erhaltungsinitiativen verfügbar.

Kopfsalat ‘Forellenschluss’ – Alte österreichische Sorte (auch ‘Flashy Trout’s Back’). Grüner Kopfsalat mit roten Sprenkeln. Bekannt für seine Hitzetoleranz – er schießt langsamer als viele moderne Sorten. Erlaubte einen langen Nutzungszeitraum.

Vergessene Kulturen mit Naschwert

KulturWarum damals StandardHeute
Melde (Atriplex hortensis)spinatartige Blattkultur, robust und ertragreichkaum noch bekannt, bei Wildkrautgärtnern
Portulak (Portulaca oleracea)kurze, würzige Sätze, kaum Pflegeselten, wiederentdeckt in Wildkräuterküche
Sauerampfermehrjährig, immer verfügbar, früh im Jahrnoch erhältlich, wird unterschätzt
Schwarze Johannisbeere (Ribes nigrum)Vitamin C-Bombe (bis 181 mg/100 g – mehr als jede andere Beere!), Einmachen, Sirupheute noch verbreitet, aber seltener als früher
Zuckererbsendirekt essbare Rankkultur, Kinderfreudeleicht wiederentdeckt
Rote Betelange lagerbar, robust, Wintergemüseheute wieder populär (Smoothies, Carpaccio)
Pastinakentief lagerfähig, fast verschwunden in den 1950ernseit 2000ern wieder erhältlich
Schwarzwurzel”Spargel des armen Mannes”, aromatisch, bis März im Boden lagerbarfast vergessen; bei Wildgemüse-Renaissance
BärlauchFrühlingskraut der Vorgärten, dauerhaftwieder populär als Pesto-Pflanze
Mairübchensehr früh, in 6 Wochen erntereiffast vergessen, kommt zurück
Meerrettichmehrjährig, scharf, klassische Konservierungals Spezialität wieder erhältlich
Topinambur (Helianthus tuberosus)sehr lagerfähig, kaum Pflege; mehrjährigals Spezialität wieder erhältlich

Konkrete Daten zu den genannten alten Sorten

Vergessene und alte Sorten: Pastinake, Topinambur, Bärlauch, Schwarze Johannisbeere und alte Apfelsorte
Vergessene und alte Sorten: Pastinake, Topinambur, Bärlauch, Schwarze Johannisbeere und alte Apfelsorte

Die historischen Sorten in einer Übersicht:

SortePflanzentypBesonderheitHeute zu bekommen bei
Stachelbeere ‘Rote Triumph’Strauch, 100–150 cmmehltauresistent, 19. Jh.ProSpecieRara, alte Baumschulen
Johannisbeere ‘Jonkheer van Tets’Strauch, 100–150 cmrot, früh (Anfang Juli), NL 1940erStandardsortiment Baumschulen
Buschbohne ‘Neckarkönigin’einjährig, 40–50 cmbreithülsig, gut für KonserveSaatgut-Tauschbörsen, Dreschflegel
Kopfsalat ‘Forellenschluss’einjährigrot gesprenkelt, hitzetolerant, AT altVEN, ProSpecieRara, Bingenheimer

Schrebergarten – Daniel Schreber und die Kleingartenbewegung

Den Begriff „Schrebergarten” verbindet man oft mit dem Leipziger Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808–1861). Tatsächlich gründete nicht er die Bewegung, sondern sein Schwiegersohn Ernst Innozenz Hauschild – nach Schrebers Tod 1864 als „Schreberverein” in Leipzig. Schreber selbst war Orthopäde und Reformpädagoge und forderte für die Industriearbeiter mehr Bewegung und frische Luft, was die Idee inspirierte.

Die ersten Parzellen waren ursprünglich Spielwiesen für Kinder. Erst später kamen kleine Beete dazu – die typischen 200–400 m² großen Schrebergärten entstanden zwischen 1900 und 1920. Im Bundeskleingartengesetz (1983) ist heute geregelt, dass mindestens ein Drittel der Fläche „kleingärtnerisch genutzt” werden muss – also Obst- und Gemüseanbau.

Heute: Über 900.000 Kleingärten in Deutschland (Stand 2023), davon rund 200.000 mit Naschgarten-Charakter. Die durchschnittliche Wartezeit auf eine Parzelle in Großstädten beträgt 5–15 Jahre.

DDR-Datsche und Selbstversorgung

In der DDR spielte der Wochenend- und Erholungsgarten („Datsche”, aus dem Russischen) eine große Rolle. 1,5 Millionen Datschen gab es Ende der 1980er Jahre – meist mit kleinem Bungalow und 400–600 m² Grundstück. Die Datsche war zugleich Erholungsort und Versorgungsbasis: Obst, Gemüse, Eingemachtes deckten einen erheblichen Teil des privaten Bedarfs.

Charakteristisch waren:

Die Sortenvielfalt von damals ist teils gerettet – z. B. durch den VEN (Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt) und ProSpecieRara.

Selbstversorger-Bewegung der 1970er – John Seymour

Im Westen wurde die Idee der Selbstversorgung in den 1970ern wieder modern – maßgeblich durch den britisch-irischen Schriftsteller John Seymour (1914–2004). Sein Buch „The Complete Book of Self-Sufficiency” (1976, deutsch: „Das große Buch vom Leben auf dem Lande”) verkaufte sich millionenfach.

Seymour beschrieb minutiös, wie eine Familie auf 2 Hektar Land sich völlig selbst versorgen kann – mit Garten, Tieren, Bienenstöcken, Most und Käseherstellung. Die Bewegung war Teil der „Back-to-the-land”-Welle: junge Städter zogen aufs Land, gründeten Landkommunen, lernten alte Handwerke neu.

Was geblieben ist: Das Bewusstsein, dass Selbstversorgung möglich ist. Heute meist nicht radikal, aber als „Teilversorgung” mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten – das Konzept des Naschgartens ist eine Mini-Version davon.

Infografik

Infografik: Naschgarten-Entwicklung über Jahrzehnte mit alten Sorten und modernen Formen
Infografik: Naschgarten-Entwicklung über Jahrzehnte mit alten Sorten und modernen Formen

Permakultur als Strömung – Mollison, Holzer, Shepard

Parallel zur Bio-Welle entwickelten zwei Australier in den 1970ern ein Designprinzip für nachhaltige Gärten und Landwirtschaft: Bill Mollison (1928–2016) und sein Student David Holmgren prägten 1978 den Begriff „Permaculture” – Permanent Agriculture / Permanent Culture.

Im deutschsprachigen Raum wurde Sepp Holzer (geboren 1942, „Krameterhof” in Österreich) berühmt: Auf 1.500 m Höhe in den Alpen baute er Zitronen, Kiwis und Kirschen an – durch geschickte Mikroklima-Gestaltung mit Teichen, Steinen und Hügelbeeten. Sein Buch „Sepp Holzers Permakultur (2004) machte die Methode in DACH populär.

Permakultur-Prinzipien im Naschgarten:

In den 2010ern ergänzte der Amerikaner Mark Shepard das Konzept um den „Restoration Agriculture”-Ansatz – Permakultur im großen Maßstab mit Walnuss, Esskastanie, Apfel und Beerenmischkulturen.

SoLaWi und CSA – Solidarische Landwirtschaft

Eine weitere moderne Strömung knüpft an die DDR-Datsche-Idee an: die Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi), in den USA und Japan seit den 1960ern als CSA (Community Supported Agriculture) bzw. Teikei entstanden, in Deutschland seit etwa 2011 stark wachsend.

Wie es funktioniert: Ein Hof verbindet sich mit 50–300 Haushalten. Diese zahlen einen Jahresbeitrag und bekommen wöchentlich einen Ernteanteil. Das Risiko (Hagelschaden, Ernteausfall) tragen alle gemeinsam.

Stand 2024: In Deutschland gibt es über 400 SoLaWi-Höfe mit insgesamt rund 100.000 Mitgliedern. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft e.V. koordiniert und vermittelt: www.solidarische-landwirtschaft.org

Für viele Stadt-Hobbygärtner ist die SoLaWi die Ergänzung zum eigenen kleinen Naschgarten: das Grobe (Kartoffeln, Möhren, Kohl) kommt vom Hof, das Frische und Besondere (Beeren, Kräuter, Salat) aus dem eigenen Beet.

Bezugsquellen für Saatgut-Initiativen

Saatgut-Erhalter-Bibliothek mit Holzschachtel, alten Saatgut-Briefchen und handgeschriebenen Etiketten
Saatgut-Erhalter-Bibliothek mit Holzschachtel, alten Saatgut-Briefchen und handgeschriebenen Etiketten

Wer alte Sorten erhalten oder ungewöhnliche Sorten suchen möchte:

OrganisationSchwerpunktWeb
VEN – Verein zur Erhaltung der NutzpflanzenvielfaltSaatguterhaltung, Sortenarchivnutzpflanzenvielfalt.de
DreschflegelBio-Saatgut, ergänzt durch Tauschdreschflegel-saatgut.de
Bingenheimer SaatgutBio-Demeter-Saatgut, breite Sortenauswahlbingenheimersaatgut.de
ProSpecieRara (CH)alte Schweizer Sorten, auch DE-versandprospecierara.ch
Arche Noah (AT)österreichische Sortenerhaltung, Versand auch nach DEarche-noah.at
Saatgut-Tauschbörsen lokalregionaler SortentauschTermine über VEN-Website
Saatgut von „Saat:gut e.V.”norddeutsche regionale Bio-Sortensaatgut-genbank.de

Der Freizeitgarten der 1970er

In den 1970ern änderte sich die Grundhaltung: Garten war nicht mehr nur Versorgung, sondern Hobby. Das Hochbeet gab es noch kaum, aber Erdbeerrabatten, Tomatenhäuschen und erste Kräuterspiralen hielten Einzug.

Wer alte Gärten aus dieser Zeit kennt, erkennt sie an drei Dingen: der Gartenlaube, dem Gartenteich und dem Komposthaufen in der Ecke. Die Gemüsefläche schrumpfte, der Rasenmäher kam.

Neu in dieser Zeit:

Mischkultur und Bio-Garten ab 1990

In den 1990ern rückte die Frage nach dem Wie ins Zentrum: Kein Pestizid, kein Kunstdünger, mehr Vielfalt. Alte Sorten wurden wiederentdeckt, Kompostwirtschaft wurde Mainstream.

Konkrete Veränderungen:

Kulturen wie Sauerampfer, Borretsch oder Walderdbeere – in den 1950ern Standard, dann vergessen – kamen wieder.

Urban Gardening heute

Der heutige Naschgarten passt auf einen Balkon. Hochbeete, Pflanzkübel und Gemeinschaftsgärten erlauben Gemüse- und Beerenanbau ohne Garten. Die Fläche ist klein, die Ansprüche sind hoch: einfach, schnell, schön, ergiebig.

Was sich verändert hat:

Was sich nicht verändert hat: Wer eine Walderdbeere pflückt, empfindet dasselbe wie Oma es tat.

Was früher besser war – und was nicht

Damals besser:

Heute besser:

Häufige Fragen

Welche Kulturen haben sich über alle Jahrzehnte gehalten? Erdbeere, Johannisbeere, Himbeere, Schnittlauch und Petersilie tauchen in allen Gartenformen auf – von der Vorratswirtschaft bis zum Balkongarten. Sie sind pflegeleicht, direkt nutzbar und ertragreich.

Warum haben alte Hausgärten so viele Beerensträucher gehabt? Wegen der Verlässlichkeit und Haltbarkeit. Einmal gepflanzt, tragen Johannisbeere oder Stachelbeere 15–20 Jahre. Eingemacht oder getrocknet, halten die Früchte durch den Winter. Das war in Zeiten ohne Kühlkette und Supermarkt entscheidend.

Was kann man vom historischen Naschgarten heute übernehmen? Die Grundstruktur: mehrjährige Dauerkulturen zuerst setzen (Beeren, Kräuter), dann jährlich wechselnde Kulturen drumherum planen. Das spart Arbeit und schafft eine verlässliche Basis.

Kann ich heute einen Garten nach historischem Vorbild anlegen? Ja – mit Anpassungen an moderne Platzverhältnisse. Das Prinzip (mehrjährige Dauerkulturen zuerst, kurze Jahresbepflanzung drumherum) funktioniert auch auf 10 m². Der Unterschied: heute kommen Hochbeet und Kübel als Format hinzu.

Wo bekomme ich alte Sorten wie ‘Forellenschluss’ oder ‘Neckarkönigin’? Bei Saatgut-Erhaltungsinitiativen wie ProSpecieRara (Schweiz), dem Dreschflegel-Saatgutnetzwerk oder dem Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN). Samenbörsen und regionale Tauschbörsen sind weitere gute Quellen.

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