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Ohrwurm — der nachtaktive Helfer mit der Zange

Ohrwurm — der nachtaktive Helfer mit der Zange

Du hebst im Frühsommer einen Blumentopf an oder rollst eine Plane im Beet zusammen — und schon huschen mehrere braune, längliche Tiere mit einer auffälligen Zange am Hinterende ins Dunkle. Der erste Reflex ist oft Ekel oder die Sorge, einen Schädling vor sich zu haben. Dabei hast du gerade einen der fleißigsten Nachtarbeiter deines Gartens aufgescheucht: den Ohrwurm. Tagsüber versteckt er sich dicht gedrängt in engen Spalten, doch sobald es dunkel wird, klettert er an Obstgehölzen und Stauden empor und macht Jagd auf Blattläuse, Spinnmilben und Insekteneier.

Kaum ein Tier trägt einen so irreführenden Namen. Die Zange am Hinterleib sieht wehrhaft aus, ist für dich aber vollkommen harmlos, und die Vorstellung, der Ohrwurm krieche Menschen ins Ohr, ist ein reiner Mythos. In Wahrheit ist er ein nützlicher Allesfresser mit einem überraschend zärtlichen Familienleben: Das Weibchen bewacht und pflegt sein Gelege und die frisch geschlüpften Jungen — ein Verhalten, das unter Insekten selten ist. Dieser Steckbrief zeigt dir, wen du da vor dir hast, was der Ohrwurm leistet, wo sein kleiner Doppelblick liegt und wie du ihn gezielt in deinen Garten holst.


Was ist der Ohrwurm?

Ohrwürmer sind eine eigene Insektenordnung, die Dermaptera (wörtlich “Hautflügler” im Sinne hautartiger Flügel — nicht zu verwechseln mit den Hautflüglern der Ordnung Hymenoptera). Weltweit gibt es rund 2.000 Arten, in Mitteleuropa nur wenige. Die mit Abstand häufigste und bekannteste ist der Gemeine Ohrwurm (Forficula auricularia) — das braune Tier mit der Zange, das du unter Töpfen, Rinde und Brettern findest. Trotz Flügeln fliegen Ohrwürmer nur selten; meist laufen sie und quetschen sich in jede erreichbare Spalte.

Der Ohrwurm ist ein nachtaktiver Allesfresser (Omnivor). Auf dem Speiseplan stehen sowohl pflanzliche Kost als auch tierische Beute — und gerade die tierische Komponente macht ihn zum Nützling: Er vertilgt Blattläuse, Spinnmilben, Insekteneier und kleine Larven, besonders an Obstgehölzen. Damit gehört er zu den natürlichen Gegenspielern, die Schaderreger in Schach halten, bevor diese die Schadschwelle überschreiten. Sein Ruf als Schädling beruht auf einem kleinen Doppelblick, den wir weiter unten einordnen.

Der Ohrwurm auf einen Blick

MerkmalWert
Wissenschaftl. Name / EinordnungForficula auricularia (Gemeiner Ohrwurm), Ordnung Dermaptera (Ohrwürmer)
GrößeKörper ca. 10–15 mm, mit Zange bis etwa 16–20 mm
Lebensdaueretwa ein Jahr (mit Überwinterung der erwachsenen Tiere)
Generationen pro Jahrmeist 1, unter günstigen Bedingungen örtlich auch 2 Gelege
NahrungAllesfresser: Blattläuse, Spinnmilben, Insekteneier, kleine Larven, dazu Pollen, Algen, reifes Weichobst
Rolle im GartenNützling; natürlicher Gegenspieler von Blattläusen und anderen Saugern, v. a. an Obstgehölzen
Aktiv von–bisMärz/April bis Oktober/November, vor allem nachts
Überwinterungals erwachsenes Tier im Boden, in Erdkammern, unter Laub und Rinde; das Weibchen bewacht dort später sein Gelege

Erkennen & Verwechseln

Den erwachsenen Ohrwurm erkennst du sofort am langgestreckten, abgeflachten, glänzend kastanienbraunen Körper und an der Zange am Hinterende. Diese Zange besteht aus zwei umgewandelten Schwanzanhängen, den Cerci. Sie ist das auffälligste Merkmal — und zugleich ein verlässlicher Schlüssel zur Geschlechtsbestimmung: Beim Männchen sind die Zangen kräftig nach innen gebogen und wirken wie eine Halbkreis-Klammer, beim Weibchen sind sie schlanker und nahezu gerade. Mit der Zange tastet, verteidigt und greift der Ohrwurm; für die menschliche Haut ist sie harmlos, ein kräftiges Tier kann allenfalls leicht zwicken, ohne zu verletzen.

Unter den kurzen, lederartigen Deckflügeln liegen fein gefaltete Hinterflügel verborgen. Ohrwürmer können also fliegen, tun es aber selten. Die Jungtiere (Nymphen) sehen den Erwachsenen ähnlich, sind aber kleiner, heller und anfangs fast weißlich; sie durchlaufen mehrere Häutungen, bis sich Färbung, Flügel und die typische Zangenform voll ausbilden. Eine echte Larve mit eigenem Aussehen gibt es nicht — Ohrwürmer entwickeln sich über eine unvollständige Verwandlung.

Wichtig für den Garten ist die Abgrenzung zu Käferlarven: Wer im Boden oder im Mulch eine helle, weiche Larve findet, hat keinen Ohrwurm vor sich. Ohrwürmer haben in jedem Stadium sechs Beine, lange Fühler und die charakteristischen Cerci am Hinterleib; Käferlarven (etwa von Rüsselkäfern oder Maikäfern) sind dagegen oft weiß, gekrümmt, made- oder engerlingsartig und besitzen keine Zange. Verwechselst du beides, bekämpfst du im schlimmsten Fall einen Helfer und verschonst einen Wurzelschädling.

Ohrwurm und ähnliche Bodentiere im Vergleich

MerkmalOhrwurm (Forficula auricularia)Käferlarve (z. B. Engerling, Rüsselkäferlarve)Silberfischchen / sonstige Bodentiere
Körperformlanggestreckt, flach, braun, gegliedertweich, oft weiß und gekrümmt (made-/engerlingsartig)klein, glänzend, ungezangt
Zange am Hinterendeja, deutliche Cercineinnein
Beine6, gut sichtbar6 kurze Beine (Engerling) oder beinlosje nach Art
Fühlerlang, gegliedertsehr kurz oder fehlendje nach Art
Rolle im GartenNützling (frisst Blattläuse, Eier, Larven)meist Wurzel- oder Pflanzenschädlingüberwiegend harmlos
Verwechslungsgefahrwird fälschlich für Schädling gehaltenwird mit Ohrwurm-Nachwuchs verwechseltoptisch eher unähnlich

Lebensweise & Entwicklung

Der Ohrwurm durchläuft eine unvollständige Verwandlung (Hemimetabolie): vom Ei direkt über mehrere ähnlich aussehende Nymphenstadien zum erwachsenen Tier — eine Puppenruhe wie beim Marienkäfer gibt es nicht. Die Tiere überwintern als erwachsene Männchen und Weibchen in selbst gegrabenen Erdkammern unter Steinen, Laub oder Rinde. Im Spätwinter bis zeitigen Frühjahr legt das Weibchen seine Eier in einer geschützten Bodenkammer ab — oft 30 bis 60 Stück in einem Gelege.

Bemerkenswert und für Insekten ungewöhnlich ist die Brutpflege: Das Weibchen bleibt beim Gelege, wendet die Eier regelmäßig, leckt sie ab und schützt sie so vor Schimmelpilzen. Nach dem Schlüpfen bewacht und versorgt es die jungen Nymphen sogar noch eine Weile, bis diese selbstständig werden. Solche elterliche Fürsorge findet sich nur bei wenigen Insektengruppen. Über das Jahr bildet der Gemeine Ohrwurm meist eine Generation aus; bei günstiger Witterung kommt örtlich ein zweites Gelege hinzu. Die Nymphen reifen über mehrere Häutungen im Lauf des Sommers heran und sind im Spätsommer geschlechtsreif.

Lebenszyklus im Jahresverlauf

PhaseZeitraumWas passiert
ÜberwinterungHerbst bis Vorfrühlingerwachsene Tiere in Erdkammern, unter Laub und Rinde
Eiablage & BrutpflegeSpätwinter bis FrühjahrWeibchen legt 30–60 Eier, wendet und pflegt sie, bewacht das Gelege
Schlupf & JungtierpflegeFrühjahrNymphen schlüpfen, Weibchen versorgt sie anfangs weiter
HeranwachsenFrühjahr bis Sommermehrere Häutungen, nachts aktive Nahrungssuche
Erwachsene TiereSommer bis Herbstgeschlechtsreif, Hauptzeit der Schädlingsregulierung im Garten

Nutzen im Garten

Der Wert des Ohrwurms liegt in seiner nächtlichen Jagd auf weichhäutige Pflanzensauger und auf Eier anderer Insekten. Hauptbeute sind Blattläuse, die er an Trieben und Blattunterseiten absammelt, dazu Spinnmilben, Insekteneier und kleine Larven. Besonders an Obstgehölzen ist er ein geschätzter Helfer: An Apfel-, Birn- und Steinobstbäumen hält er Blattlauskolonien klein und frisst unter anderem auch Eier und junge Räupchen — er gehört damit zu den natürlichen Gegenspielern von Obstschädlingen wie dem Apfelwickler. Weil er nachts arbeitet und sich tagsüber versteckt, bleibt seine Leistung oft unbemerkt.

Anders als spezialisierte Räuber wie der Marienkäfer ist der Ohrwurm ein Allesfresser — und genau das bringt einen kleinen Doppelblick mit sich. Bei starkem Massenauftreten und in Jahren mit wenig tierischer Beute kann er an reifem Weichobst (etwa angeplatzten Pflaumen, Pfirsichen, Aprikosen, Trauben) sowie an zarten Blütenblättern knabbern, zum Beispiel an Dahlien, Nelken oder Clematis. Häufig vergrößert er dabei nur vorhandene Schäden, die Wespen, Vögel oder Fäulnis verursacht haben. Unterm Strich überwiegt sein Nutzen als Schädlingsregulierer in aller Regel deutlich; ob überhaupt eingegriffen werden muss, entscheidest du wie immer anhand der Schadschwelle.

Beutespektrum und Wirkung

Leistung / BeuteWirkung im Garten
Blattläuseabsammeln an Trieben und Blattunterseiten, besonders an Obstgehölzen — hält Kolonien klein
SpinnmilbenReduktion bei Trockenheits-Befall an Obst und Sträuchern
Insekteneier & kleine Larvenfrisst Eier und Räupchen von Obstschädlingen, ergänzt andere Gegenspieler
nachtaktive Jagderreicht Beute in der Dunkelheit, wenn tagaktive Jäger ruhen
Aas, Algen, faulende Resteräumt als Allesfresser organisches Material mit ab
Kehrseite: Weichobst & Blütenblätterbei Massenauftreten Knabberschäden an reifem Obst und an Zierblüten (kleiner Doppelblick)

So förderst du den Ohrwurm

Ohrwürmer siedeln sich von selbst an, wenn dein Garten ihnen tagsüber sichere Verstecke und nachts Beute bietet. Das klassische und wirksamste Hilfsmittel ist der umgedrehte, mit Holzwolle gefüllte Tontopf: Du füllst einen kleinen Tontopf locker mit Holzwolle (oder Stroh) und hängst ihn mit der Öffnung nach unten in die Krone eines Obstbaums oder Strauchs. Tagsüber kriechen die Ohrwürmer hinein, nachts schwärmen sie genau dort aus, wo Blattläuse sitzen. Wichtig: Der Topf sollte den Stamm oder einen Ast berühren, damit die Tiere hineingelangen — gegen kletternde Läuse hilft das, gegen aufsteigende Ohrwürmer nicht. Kontrolliere die Töpfe gelegentlich und siedle die Bewohner bei Bedarf gezielt an Befallsherde um.

Darüber hinaus zählt Struktur: liegengelassenes Laub, Totholz, Rindenstücke, Steinhaufen und hohle Stengel bieten Tagesverstecke und Winterquartiere. Wer im Herbst alles “sauber” abräumt, nimmt dem Ohrwurm die Unterschlupfe. Den größten Hebel hast du auch hier beim Verzicht auf Insektizide: Breitwirksame Mittel töten nicht nur Blattläuse, sondern auch ihre Jäger — und weil sich Nützlinge langsamer vermehren als Schädlinge, kippt das Gleichgewicht danach oft zu deinen Ungunsten. Wenn der Ohrwurm an einer empfindlichen Kultur (etwa Dahlien) doch zu viel knabbert, hilft es, die Holzwolltöpfe gezielt wegzuhängen und so die Tiere an die Obstgehölze zu locken, statt zur Spritze zu greifen.

Förder-Maßnahmen im Überblick

MaßnahmeWas tunWarum
Holzwolltopf aufhängenTontopf mit Holzwolle füllen, umgedreht in den Obstbaum hängen, Ast berühren lassenTagesversteck direkt am Befallsherd
Gezielt umsiedelnbesetzte Töpfe an stark befallene Gehölze hängenlenkt die Jäger dorthin, wo Blattläuse sitzen
Struktur lassenLaub, Totholz, Rinde, Steinhaufen, hohle StengelTagesverstecke und Winterquartiere
Pestizidverzichtkeine Breitband-Insektizide großflächigschützt Ohrwürmer und andere Gegenspieler
Spätes AbräumenBeete und Laub erst im Frühjahr säubernschont überwinternde Tiere und Gelege
Bei Zierblüten umlenkenTöpfe von Dahlien weg an Obstgehölze hängenmindert Knabberschäden ohne Bekämpfung

Häufige Fehler und Mythen


Abgrenzung zu ähnlichen Tieren und anderen Nützlingen

Der Ohrwurm wird vor allem mit Käferlarven verwechselt und steht als Lausjäger neben anderen natürlichen Gegenspielern. Das sicherste Merkmal ist die Zange am Hinterleib: Wer Cerci sieht, hat einen Ohrwurm vor sich.

Art / StadiumAussehenRolleVerwechslungsgefahr
Ohrwurm (Forficula auricularia)langgestreckt, braun, mit Zange am HinterleibNützling — Blattlaus- und Eierjägerwird fälschlich für Schädling gehalten
Käferlarve (Engerling u. a.)weiß, gekrümmt, oft beinarm, ohne Zangemeist Wurzel-/Pflanzenschädlingwird für Ohrwurm-Nachwuchs gehalten
Marienkäfer (Larve)grau-blau, krokodilartig, 6 Beine, keine ZangeBlattlausjägerebenfalls Lausjäger, aber ohne Zange
Schwebfliege (Larve)beinlose, halbdurchsichtige MadeBlattlausjägerbeinlos und ohne Zange
Blattlaus (Beute)klein, weich, grün/schwarz, in KolonienSchädling und Nahrung der Jägeroptisch unähnlich, aber die Beute des Ohrwurms

Marienkäfer- und Schwebfliegenlarven gehören wie der Ohrwurm zu den Nützlingen — sie alle solltest du an einer Lauskolonie in Ruhe lassen. Wer eine Zange am Hinterende sieht, hat einen Ohrwurm; weiße, gekrümmte Maden ohne Zange sind dagegen meist Käferlarven und damit eher Schädlinge.


Mitnehmen

  1. Er kriecht nicht ins Ohr. Das ist ein reiner Mythos — der Ohrwurm ist vollkommen harmlos, hat kein Gift und sucht enge Spalten, kein Menschenohr.
  2. Die Zange verrät das Geschlecht. Beim Männchen sind die Cerci kräftig gebogen, beim Weibchen nahezu gerade — und für deine Haut sind sie ungefährlich.
  3. Ein Nützling mit Doppelblick. Vor allem frisst er Blattläuse, Spinnmilben und Insekteneier; nur bei Massenauftreten knabbert er an Weichobst und Zierblüten.
  4. Seltene Brutpflege. Das Weibchen bewacht und pflegt Eier und Jungtiere — ein für Insekten ungewöhnlich fürsorgliches Verhalten.
  5. Holzwolltopf statt Spritze. Ein umgedrehter, mit Holzwolle gefüllter Tontopf im Obstbaum lockt Ohrwürmer genau dorthin, wo Blattläuse sitzen — und lenkt sie von empfindlichen Blüten weg.
  6. Pestizide kosten dich den Helfer. Breitwirksame Mittel töten Blattläuse und ihre nachtaktiven Jäger gleichermaßen und kippen das Gleichgewicht oft zu deinen Ungunsten.

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